Alles nicht so einfach...

Es ist nicht immer alles so einfach wie es auf den netten Bildern scheinen mag. Nicht in Häusern zu wohnen ist immer noch eigentlich verboten und wird immer wieder hart verfolgt.

Wer im Wagen wohnt überschreitet damit jeden Tag geltende Gesetze.

Die beiden Wagenburgen mussten eine Vielzahl erzwungener Umzüge über sich ergehen lassen, bis sie endlich die beiden Plätze durchsetzen konnten. Eine dritte Wagenburg schaffte es dagegen keine zwei Jahre sich in Tübingen zu behaupten, bis sie gewaltsam geräumt wurde.

Auch Kuntabunt und Bambule bekamen erst nach etwa 10 Jahren überhaupt Verträge, die das Wohnen wenigstens halbwegs legalisieren. Dabei mussten wir Einiges uns an´s Herz Gewachsene abgeben, auch ein Drittel der von uns besiedelten Fläche und dazu einigen Quatsch mit unterschreiben. Die Zukunft, ob wir weiter im Wagen wohnen dürfen, für uns 60 Menschen, die wir teils seit 20 Jahren hier wohnen, oder hier geboren sind bleibt weiter unsicher. Das ist nicht schön.

Nur wenige Menschen möchten in Wagen leben. Dennoch, unser Platz ist zu klein für alle Menschen, die in Tübingen gerne so wohnen wollten. Wem gehört die Welt? Wer nimmt sich das Recht jemanden vorzuschreiben, ob er im Wagen oder im Haus wohnen muss? Zugegeben, es braucht Regelungen für die Flächennutzung. Aber Raum für noch etliche Wagenplätze wäre allemal da, eine Wagenburg versiegelt keine Flächen.

5 Jahre lang veranstalten die Wagenburgen im direkt dahinter liegenden ehemaligen Schießstand Feste, kleine und große Konzerte, Vorführungen, Kinderprogramme, Workshops und schließlich jede Woche Hausbar. Highlight waren die Kulturtage, eines der größten unkommerziellen Tübinger Kulturevents.
Das Bild zeigt das zur Hausbar umgebaute Segment des Schießstands an einem typischen Dienstagabend mit Feuer und Livemusik.

Im Zuge der Eingrenzung der Wagenburgen nimmt die Stadt jedoch diesen Geländeteil nicht in den Pachtvertrag mit auf.

1935

„zweckmäßig und behaglich“
Zur Kriegsvorbereitung wird auf freiem Feld die Burgholzkaserne errichtet.

Nach dem Krieg wird sie für fast 50 Jahre vom französischen Militär genutzt.

1991

Nach dem Abzug der Franzosen ziehen Menschen einfach so in die zahlreichen leer stehenden Gebäude der ehemaligen Kaserne ein. Bunte, alternative Kultur kann kurz aufblühen. Auch die Wagenmenschen der Kuntabunt siedeln sich nach zahlreichen erzwungenen Umzügen auf dem Kasernenareal an.

Februar 1993

Unter dem Motto "Keine zweite Wagenburg in Tübingen" wird die Bambule von ihrem Platz mit massivem Polizeiaufgebot vertrieben, dann werden sämtliche Wagen von der Straße weg beschlagnahmt. Die Stadt lässt die Wagen wegbringen und aneinander ketten, und fordert Geld um die Wagen zurückzugeben.

Die so obdachlos Gewordenen ziehen darauf für etwa 10 Tage unter die Arkaden des Tübinger Rathauses. Es gibt einen Wärme spendenden Ofen, Essen für alle und abends schauen wir Charlie Chaplins "Goldrausch" an der Rathausfassade.

Die Stadt gibt zuletzt nach. Die Bambule bekommt ihre Wagen zurück und darf sich als "Erweiterung" neben die Kuntabunt stellen.

1994

Die Stadt vermietet, wohl versehentlich, eine Halle an Wagenbürger. Diese wird zur "Schrauberhalle": Eine riesige Gemeinschaftswerkstatt um LKWs und Bauwagen wohnlich umzubauen. Eine Menge neuer mobiler Wohnungen sind hier entstanden.

Im laufe der Zeit lässt die Stadt das Areal zu einem modernen Wohn- und Arbeitsviertel umgestalten. Bei den Planungen wir freilich nicht berücksichtigt, dass hier schon viele Menschen wohnen und arbeiten. Sie müssen weg... oder kaufen.

2008

Die Südstadtentwicklung wird nach ca.15 Jahren abgeschlossen.
Die verlassenen Hallen und Gebäuden der ehemaligen Kaserne mit verschiedenen alternativen Projekten sind größtenteils abgerissen. An ihrer Stelle wurde in unserer direkten Nachbarschaft ein neues, lebendiges Stadtviertel aufgebaut:
Das Französische Viertel.